
Der Lehrkräftemangel hat den Quer- und Seiteneinstieg vom Ausnahmefall zu einem festen Bestandteil der Personalgewinnung an deutschen Schulen gemacht. An allgemeinbildenden Schulen hatten im Schuljahr 2023/24 rund 10,5 Prozent der Lehrkräfte keine klassische Lehramtsprüfung, in einzelnen ostdeutschen Ländern lag der Anteil bei den Neueinstellungen sogar bei über einem Drittel. Wer mit Fachstudium und Berufserfahrung in die Schule wechseln will, stellt sich dieselben Fragen: Was unterscheidet Quer- und Seiteneinstieg, welche Voraussetzungen gelten im eigenen Bundesland, wie sieht die Eingruppierung aus – und was erwartet einen im Schulalltag wirklich?
Quereinstieg oder Seiteneinstieg? Der wichtige Unterschied
Beide Begriffe werden im Alltag oft synonym benutzt, meinen rechtlich aber unterschiedliche Wege. Beim Quereinstieg hast du zwar nicht auf Lehramt studiert, absolvierst aber verpflichtend ein Referendariat (Vorbereitungsdienst) wie grundständig ausgebildete Lehrkräfte auch. Beim Seiteneinstieg fehlt sowohl das Lehramtsstudium als auch das Referendariat: Du unterrichtest von Beginn an eigenverantwortlich und wirst berufsbegleitend pädagogisch qualifiziert. Wichtig zu wissen: Die Bundesländer nutzen die beiden Begriffe nicht einheitlich. Nordrhein-Westfalen etwa unterscheidet gar nicht erst zwischen Quer- und Seiteneinstieg, während andere Länder klar zwischen beiden Wegen trennen. Die folgende Übersicht zeigt die drei gängigsten Wege im Überblick.
| Weg | Voraussetzung | Dauer Qualifizierung |
|---|---|---|
| Quereinstieg mit Referendariat | Fachstudium (i. d. R. Master, Diplom oder Magister) | 12–24 Monate, je nach Bundesland meist 18 Monate |
| Seiteneinstieg (direkter Unterrichtseinsatz) | Fachstudium + Eignungsfeststellung, meist in Mangelfächern | Berufsbegleitende Qualifizierung, oft rund 2 Jahre |
| Quereinstiegs-Master (KMK-Reform 2024) | Bereits unterrichtende Lehrkräfte ohne reguläre Ausbildung | Länderspezifisch geregelt |
Voraussetzungen: Was du je nach Bundesland brauchst
Eine bundesweit einheitliche Regelung für den Quer- oder Seiteneinstieg gibt es nicht – jedes Land legt eigene Voraussetzungen, Auswahlverfahren und Mangelfachlisten fest. Gemeinsam ist praktisch überall: Du brauchst einen abgeschlossenen Hochschulabschluss in einem Fach, das an Schulen unterrichtet wird, und die Einstellung erfolgt vorrangig dort, wo Schulen keine grundständig ausgebildeten Lehrkräfte finden. Nordrhein-Westfalen etwa öffnet den Seiteneinstieg für alle Schulformen außer Förderschulen, mit unterschiedlichen Fachbeschränkungen je nach Schulart. Weil sich Mangelfächer und Verfahren von Bundesland zu Bundesland und von Jahr zu Jahr ändern, ist die erste verlässliche Anlaufstelle immer das zuständige Kultusministerium beziehungsweise die Bezirksregierung. Einen Überblick zu den Einstellungsbedingungen in einzelnen Ländern findest du in unseren Länderprofilen, etwa für NRW.
Eingruppierung und Gehalt: Was Quereinsteiger verdienen
Quer- und Seiteneinsteiger starten in aller Regel als tarifbeschäftigte Lehrkraft nach dem Tarifvertrag der Länder (TV-L), nicht als Beamte. Die Eingruppierung richtet sich nach der jeweiligen Entgeltgruppe der Lehrkräfte-Entgeltordnung (TV EntgO-L) und hängt von Tätigkeit und Qualifikation ab. Wer die Voraussetzungen für eine spätere Verbeamtung erfüllt, gilt tariflich als „Erfüller“ und wird entsprechend höher eingruppiert; wer sie nicht erfüllt, bleibt „Nicht-Erfüller“ mit niedrigerer Entgeltgruppe. Die genaue Stufenzuordnung hängt zusätzlich von anerkannter Berufserfahrung ab. Mit unserem TV-L-Rechner lässt sich das ungefähre Netto- und Bruttogehalt für die eigene Entgeltgruppe überschlagen. In Mangelfächern und bei entsprechender Eignung ist nach einigen Jahren Berufserfahrung oder nach dem Referendariat teils auch die spätere Verbeamtung möglich – die konkreten Fristen und Bedingungen dafür legt jedes Bundesland selbst fest.
Praxisbeispiel: Vom Ingenieursberuf ins Klassenzimmer
Ein typischer Weg sieht so aus: Eine Diplom-Ingenieurin mit mehrjähriger Berufserfahrung in der Industrie bewirbt sich in einem MINT-Mangelfach wie Physik oder Mathematik auf eine Seiteneinsteiger-Stelle. Nach der Eignungsfeststellung durch die Schulbehörde beginnt sie direkt mit eigenem Unterricht und wird parallel berufsbegleitend pädagogisch qualifiziert – inklusive Hospitationen, Fachseminaren und regelmäßigen Unterrichtsbesuchen durch Fachleiterinnen und Fachleiter. Die fachliche Seite bereitet in solchen Fällen meist wenig Probleme, weil das Studienwissen und die Praxiserfahrung aus dem vorherigen Beruf direkt einfließen. Die eigentliche Lernkurve liegt woanders: Klassenführung, Differenzierung im Unterricht, Elterngespräche und der Umgang mit Schulrecht und Notengebung müssen in der Praxis erst erarbeitet werden – Themen, die grundständig ausgebildete Lehrkräfte bereits im Studium und Referendariat durchlaufen haben.
Typische Herausforderungen im Schulalltag
Der Anteil an Lehrkräften ohne klassische Lehramtsprüfung ist in einzelnen Fächern besonders hoch: In Physik lag er zuletzt bei rund 24 Prozent, in Chemie bei etwa 20,5 Prozent und in Mathematik bei rund 12,1 Prozent. Damit einher gehen strukturelle Herausforderungen, die immer wieder genannt werden:
- Fehlende kollegiale Hospitationen, Rückmeldungen und Teamkooperation an manchen Schulen
- Uneinheitliche oder fehlende Einarbeitungs- und Mentoring-Konzepte, gerade an stark belasteten Schulen
- Ein überdurchschnittlicher Einsatz von Quer- und Seiteneinsteigern an Schulen in sozial schwierigeren Lagen
- Klassenführung und pädagogisch-psychologisches Grundwissen müssen parallel zum laufenden Unterricht angeeignet werden
- Zeitliche Doppelbelastung durch Unterricht, Vor- und Nachbereitung sowie berufsbegleitende Qualifizierung oder Referendariat
Praktische Tipps für den Einstieg
- Frühzeitig direkt beim Kultusministerium oder der zuständigen Bezirksregierung des Wunsch-Bundeslands nach aktuellen Mangelfächern und Bewerbungsfristen fragen – diese ändern sich jährlich.
- Vor der Bewerbung klären, ob Quer- oder Seiteneinstieg im jeweiligen Bundesland überhaupt unterschieden wird und welcher Weg zum eigenen Studienabschluss passt.
- Mentoring und Hospitationsangebote an der eigenen Schule aktiv einfordern statt abzuwarten, ob sie angeboten werden.
- Fortbildungen zu Klassenführung und Unterrichtsplanung möglichst schon vor dem ersten eigenen Unterricht besuchen, wenn die Schule das ermöglicht.
- Bei einer möglichen späteren Verbeamtung die bisherige gesetzliche Krankenversicherung nicht vorschnell kündigen, sondern erst prüfen, ob die Verbeamtung auf Dauer angelegt ist und wie der Wechsel in die private Krankenversicherung sinnvoll organisiert wird.
Häufige Fragen
Was ist der Unterschied zwischen Quereinstieg und Seiteneinstieg?
Beim Quereinstieg absolvierst du trotz fachfremden Studiums verpflichtend ein Referendariat. Beim Seiteneinstieg entfällt das, du unterrichtest sofort eigenverantwortlich und wirst berufsbegleitend qualifiziert. Die genaue Abgrenzung legt jedes Bundesland selbst fest.
Brauche ich für den Quereinstieg ein Referendariat?
Ja. Anders als beim Seiteneinstieg ist das Referendariat Pflicht und dauert je nach Bundesland zwischen 12 und 24 Monaten, meist rund 18 Monate.
Wie viel verdienen Quereinsteiger als Lehrkraft?
Quer- und Seiteneinsteiger werden meist als Angestellte nach TV-L eingruppiert, abhängig von Fach, Tätigkeit und Erfüller-Status. Eine Orientierung bietet der TV-L-Rechner auf lehrer-infoportal.com.
Kann ich als Quereinsteiger verbeamtet werden?
In vielen Bundesländern ist eine spätere Verbeamtung möglich, besonders in Mangelfächern und nach erfolgreichem Referendariat. Die genauen Fristen unterscheiden sich je Bundesland und sollten beim zuständigen Kultusministerium erfragt werden.
In welchen Fächern haben Quereinsteiger die besten Chancen?
Besonders gefragt sind MINT-Fächer wie Physik, Chemie und Mathematik, wo der Anteil an Lehrkräften ohne klassische Lehramtsprüfung bundesweit am höchsten ist. Welche Fächer als Mangelfächer gelten, ändert sich jährlich und je Bundesland.
